Wir wurden vor einigen Tagen in die Anlaufstelle für Asylbewerber gerufen, ein altes Kasernengelände in denen viele sogenannte “geduldete” Personen sehr unterschiedlicher Kulturkreise darauf warten, in Deutschland unter Asyl genommen zu werden, vielleicht auch eine Arbeitserlaubnis zu erhalten oder leider wieder in ihr Heimatland zurückgeschickt zu werden.
da hier viele sehr unterschiedliche Staatsangehörigkeiten aufeinandertreffen, unter anderem aus Syrien, Irak, Iran, Lybien, Marokko, Kenia, Niger, (Ex-)-Jugoslavien, kommt es recht häufig zu Streitigkeiten bis hin zu blutigen Auseinandersetzungen. Darüber hinaus bestehen häufig unerkannte und unbehandelte Infektionserkrankungen und teilweise massive Sprachprobleme, die einen einsatz sehr schwierig gestalten konnten.
Diesmal wurden wir alarmiert, da ein etwa 2jähriges Kind aus mehreren Metern aus einem Zimmerfenster gefallen sein soll. Das NEF war mitarlarmiert.
Wir trafen aufgrund der kurzen Anfahrtstrecke schon nach wenigen Minuten ein und wurden am Pförtnerhäuschen in Empfang genommen. Hier hatte sich bereits eine rufende und schreiende Menschenmenge zusammengefunden und man wies uns den weg ins Pförtnerbüro. Neben einer Sicherheitskraft hielten sich noch zwei ausländische Männer und eine junge Frau im Zimmer auf und schrieen wild durcheinander. Auf dem Schreibtisch lag ein Kleinkind im Vor-Kindergarten-Alter und schrie auffallend.
Aus den ersten schwerverständlichen Worten erhielten wir vom vermeintlichen Vater die Information, das Kind sei aus einem Fenster gefallen, eine genaue Höhenangabe war nicht zu erhalten.
Eine erste schnelle Traumauntersuchung ergab zunächst eine Pupillendifferenz, die Lungen waren beidseits frei belüftet, die Atmung war schnell, aber regelmäßig und ausreichend tief. Es bestand eine latente Abwehrspannung des Bauches, alle Extremitäten wurden seitengleich bewegt. Eine schnell angelegte Sauerstoffsättigung ergab einen Wert von annähernd 100 % und eine Pulsfrequenz von 140 Schlägen/Min.
Es wurde eine Halskrause angelegt, die nur schwer akzeptiert wurde, der Vater wurde damit beauftragt, den Kopf des Kindes ruhigzuhalten, sodass eien einigermaßen adäquate fixierung erreicht werden konnte.
Die kleine Patientin erhielt eine Sauerstoffmaske für Kinder mit einem Flow von 10 Litern Sauerstoff pro Minute. Zur gleichen Zeit traf die Notärztin ein und führte nach kurzer Übergabe eine zweite Traumauntersuchung durch. Die anfänglich festgestellte Pupillendifferenz wurde nicht bestätigt.
Nach Entfernung der Kleidung zeigte sich in der rechten Leistenfalte eine sehr tiefe, bis ins Muskelgewebe reichende, etwa 10cm lange Risswunde. Diese wurde zugig steril abgedeckt.
Es gelang die Punktion einer Vene am linken Fußrücken mit einer Viggo der Größe 24G. Über diesen Zugang wurden altersangepasste Dosen von Ketamin und Midazolam verabreicht. Das Kind beruhigte sich zusehens und wurde spontanatmend mittels Schaufaltrage auf die vorbereitete Vakuummatratze umgelagert. Nach Verbringen in den RTW wurde zur Überwachung das EKG befestigt und eine oszillometrische Blutdruckmessung angebracht.
Unter Sonderrechten erfolgte der Transport in die unfallchirurgische Klinik mit angeschlossener Pädiatrie.
Nach Übergabe im Schockraum wurde das Material des RTW wieder zusammengebaut. Nach etwa 10 Minuten waren die Erstuntersuchungen abgeschlossen. Alle Röntgenaufnahmen und Ultraschalluntersuchungen ergaben keinen Anhalt für eine knöcherne oder abdominelle Verletzung. Bis auf die femorale Risswunde war das Kind unverletzt.
Schutzengel gibt es nur für Kinder und Betrunkene.
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